SYMB 6009
Vor einem Hintergrund aus Marmor und einer rosigen antiken Landschaft lehnt ein Androgyne, sanft den Kopf an den einer Sphinx, mit dem geschmeidigen, sehr weiblich wirkenden Körper eines Geparden. Die ambivalenten Augen starren blind, wie in einem Traum. Das Thema des Androgynen ist allgegenwärtig in Khnopffs Werk und ist eine sehr ferne Vorwegnahme der Vorliebe des Surrealismus für diesen grundlegenden Mythos. Als Khnopff nach seinen Absichten gefragt wurde, antwortete er, dass das Gemälde des Geparden weitaus weniger mystisch sei, als man dachte. Es handelte sich um eine ganz alltägliche Allegorie. Der Mensch steht vor der Wahl: Vergnügen oder Macht. Im Mittelalter war der Leopard eines der Symbole sinnlichen Genusses. Dieser Leopard war jedoch kein Leopard, sondern ein Gepard, der von allen wilden Tieren am meisten kriecht und am meisten einer Schlange ähnelt, präzisierte Khnopff, und fügte hinzu, dass er ihn nicht wegen seiner mystischen Qualitäten ausgewählt habe, sondern aus plastischen Gründen.
Es ist bekannt, dass die Frau eine wichtige Rolle im belgischen Symbolismus spielt, denn sie verkörpert in einem Wesen all die Dualität und Ambiguität der Welt. Khnopff und Rops gehören zu den belgischen Symbolisten, die ihr Geheimnis am besten erfasst und zum Ausdruck gebracht haben. Bei Khnopff ist die Frau abwechselnd Engel, Muse und Freundin. Aber sie ist auch Verführerin und perverse Femme Fatale, das Symbol des „vice suprême“, der Höchsten Laster. In „Liefkozingen“ stellt Khnopff die geheimnisvolle Schönheit dar, doch die Frau verkauft sich und Satan wird ihr Meister. So sieht Félicien Rops sie in all seinem Werk. Sie ist die zerstörerische Frau, sie ist auch der Tod.
Die Konfrontation des Androgynen und der Sphinx in einer imaginären Landschaft mit blauen Säulen und kabbalistischen Inschriften, die vage die Idee von Hieroglyphen hervorrufen, gibt Anlass zu zahlreichen Interpretationen. Symbolisierung der Macht, der Dominanz, der Verführung? Oder ist es vielmehr das Bild von Khnopff selbst, konfrontiert mit seinem Spiegelbild, seiner Schwester Marguerite, der unerreichbaren Muse? Oder vielleicht auch das ewige Bild von Ödipus und der Sphinx? Das Werk stellt uns ständig Fragen und wird das weiterhin tun.
(nach Gisèle Ollinger-Zinque, im Katalog 'Fernand Khnopff (1858-1921), Brüssel, KMSKB, 2004, S. 236-237)
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