Source: Jan Rymenams
Über die Abtei von Orienten gibt es viel zu erzählen. 1233 wurde die Abtei als ‘Vallis virginum in Oriente’ erwähnt, was eigentlich das ‘Jungfrauenvalt in Osten’ bedeutet. Die Bezeichnung verweist auf das Frauenkloster Maagdendal (‘Vallis Virginem’) im nahen Oplinter. Dieses Kloster wurde 1215 gegründet und lag westlich von Orienten. Die Abtei in Grazen war ihr 'Sorores domus Orientis’, Schwestern im Haus im Osten. Das Gebäude ist bereits seit mehreren Jahrhunderten ein Hof, aber heute spricht man im Dorf immer noch von ‘Dem Kloster’.
Solche Stiftungen konnten ohne weltliche Hilfe nicht entstehen. In Oplinter kam diese Unterstützung von dem sehr frommen Bartholomäus von Tienen oder Bartholomäus dem Fleischhauer, denn er soll Metzger gewesen sein. Hier war der Wohltäter niemand anderes als Arnold IV., Graf von Loon.
Die Stiftung lässt sich in die Bewegung der Zisterzienser einordnen, die 1098 aus Cîteaux von Robert von Molesme entstand. Das 13. Jahrhundert ist übrigens die Hochblüte für die weiblichen Klöster und viele der monialen – so heißen die weiblichen ‘Mönche’ – waren bekannte Mystikerinnen. In Maagdendal kennen wir Beatrijs von Nazareth. Innerhalb der heutigen Grenzen Belgiens wurden von Ende des 12. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts nicht weniger als 49 Monialenabteien gegründet; Zu einem bestimmten Zeitpunkt zählten wir 66 Frauenklöster der Zisterzienser im Vergleich zu 15 Männerklöstern. Das älteste Monialenkoster war das von Herkenrode, gegründet 1181. Die Frauen, die in diesen Gegenden die Klöster bewohnten, stammten in diesem 12.-13. Jahrhundert hauptsächlich aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum.
Die Abtei von Orienten scheint, was die Anzahl der Nonnen betrifft, nie sehr groß gewesen zu sein. 1374 gab es 12 bis 20 Schwestern. Doch sie besaß alles, was ein Kloster haben musste: eine Kirche, einen Schlafsaal, einen Speisesaal, einen Krankensaal, eine Küche und eine Brauerei, daneben einige landwirtschaftliche Gebäude.
Und sogar noch mehr! 1275 wurden die Schwesterabteien von Bautershoven (Sint-Truiden) und Oeteren (Maaseik) ‘übernommen’. Im 16. Jahrhundert vergrößerten sich die Besitztümer erheblich durch das Wirken der Äbtissin Maria Bollen. Die Abtei besaß viel Land, das sich über etwa 30 Standorte in Brabant, Loon und Lüttich verteilte. Es war eines der größten Domänen von Nonnen in den Niederlanden. In unmittelbarer Umgebung verfügte die Abtei neben dem Pachthof, der in großem Block direkt mit dem Kloster verbunden war, über zwei weitere Pachthöfe, nämlich Ter Lenen und Ter Borg, und über die Grazenmühle.
1580 wurde die Abtei während der Religionskriege teilweise zerstört. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurde sie gründlich restauriert und erneuert.
Die Ferraris-Karte zeigt uns die Gebäude, umarmt von einer rechtwinkligen Biegung des Melsterbaches. Die wichtigste Zufahrtsstraße ist eine Allee von der alten Straße von Binderveld nach Grazen. Das Ganze zeigt ein langgestrecktes und ziemlich unregelmäßiges Ensemble von rund um verschiedene Innenhöfe gepflanzten Volumen. Ein ebenfalls längliches Gemüsebeet schließt sich an den großen Nordwestflügel an, während die weitläufige Umgebung aus Äckern, Wiesen und großen Obstgärten besteht. Auf der Südseite gibt es vier Teiche.
1798 wurde die Abtei als nationales Gut in zwei Teilen verkauft. Die Gebäude sollten 1816 abgerissen werden. Übrig blieben das Äbtissinnenhaus – das heutige Wohnhaus – und ein Verwaltungsgebäude. 1831 war der große Lust- und Ziergarten auf ein kaum 25 Ar großes Hofgrundstück reduziert worden, während der Rest der Umgebung aus Wiesen, Äckern und Teichen bestand, eigentlich Reste der früheren Grabenanlage.
1841 kam Orienten in den Besitz von Notar Pierre-Louis Vinckenbosch aus Tienen. In den folgenden Jahren würde die Familie Vinckenbosch das Ganze zu einem beeindruckenden Herrenhof mit einem umfangreichen großen Areal von Äckern und Wiesen ausbauen, das sich noch immer in einem Block um den Hof konzentrierte. Die Familie Vinckenbosch ist noch immer Eigentümer und Betreiber.
In Anschluss an unsere frühere Geschichte über Genever-Destillerien erhielt Vinckenbosch 1842 eine Genehmigung für eine Brennerei.
Eine spektakuläre Erweiterung der Gebäude fand 1846 und 1869 statt. Damals wurde das verbleibende Abteigebäude – jetzt Wohnflügel – in nordöstlicher Richtung mit dem Bau von Scheune und Ställen bis zur beeindruckenden Länge von 100 Metern verlängert. Ebenfalls um 1846 wurde auf der gegenüberliegenden Seite des immensen rechteckigen Geländes die frühere Brennerei und der Stallsflügel errichtet. Es ist logisch, dass Brennerei und Stall nah beieinander lagen: das verarbeitete Getreide sollte schließlich als reichhaltiges Viehfutter dienen. Dieser Stall sollte später zum heutigen H-förmigen Komplex ausgebaut werden.
1859 wurde an der Galgenstraße das noch bestehende Tagelöhnerhaus gebaut. 1869 erschien eine Voliere oder Hühnerhaltung und ein Backhaus und 1879 ein Gartenpavillon.
1901 wurde die Brennerei modernisiert und mit einer Dampfmaschine ausgestattet. Das bedeutete, dass fast kontinuierlich gebrannt werden konnte. Die Wiesen- und Ackerfläche betrug damals etwa 82 Hektar.
Du kannst den Hof nicht besuchen. Im besten Fall kannst du kurz die Auffahrtsstraße in Tiense Quarzit hinaufgehen und von unter dem Tor einen diskreten Blick auf die Gebäude werfen.
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